Unterartenstatus - noch zeitgemäß?

Diskussionen zur Systematik und Taxonomie von Reptilien, Amphibien und Wirbellosen

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domino
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Unterartenstatus - noch zeitgemäß?

Beitrag von domino » Mi Jan 25, 2006 17:31

dann mach ich mal den Anfang und stelle etwas zur Diskussion :-)

Der Titel mag etwas provokant anmuten und so ist er auch zu verstehen.
Gerade die Vertreter des phylogenetischen und des evolutorischen Artenkonzeptes erkennen den Unterartenstatus nicht an. Andere wiederum argumentieren damit, dass die "biologische Wirklichkeit" außer Acht gelassen wird, erkennt man nicht auch den Unterartenstatus an. Macht es biologisch Sinn zwar diagnostizierbare aber dennoch geringe Diversität zwischen Populationen Artenstatus zuzurechnen?
Gerade bei allopatrischen Populationen wir immer wieder diskutiert, ob sie nun wirklich "reproduktiv isoliert" sind oder nicht und gerade bei diesen Populationen fällt die Entscheidung ob Unterart oder Art oft sehr subjektiv aus...


Was also spricht für den Unterartenstatus und was dagegen?


Dazu mal zwei Artikel, die diese Diskussion beleuchten:

Smith, H., Chiszar, D., and Montanucci, R. 1997. Subspecies and Classification, Herpetological Review 28(1), 13-16
http://www.goodrumj.com/Smith.html

Wiens, J. J. 2004b. What is speciation and how should we study it? American Naturalist 163:914–923.
http://life.bio.sunysb.edu/ee/wienslab/ ... nAmNat.pdf

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StefanSchiff
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Beitrag von StefanSchiff » Mi Jan 25, 2006 22:06

Hallo Domino,

als Anhänger des biologischen Artkonzeptes halte ich den Unterartstatus für absolut notwendig, weil logisch. Wenn jedes Tier oder jede Population, die sich im Labor minimal von der Nominatform unterscheidet, gleich Artstatus bekäme, dann wäre die Verwirrung vorprogrammiert. Meiner Meinung nach muss eine Unterart sofort anhand eindeutiger morphologischer Merkmale von jedermann als solche erkennbar sein. Sind die Unterschiede schließlich derart zahlreich und signifikant, dass sich Hybriden nicht mehr fortpflanzen können, ist eine neue Art entstanden. Nur diese Sichtweise schafft wirklich Ordnung im System. Das phylogenetische Artkonzept ist weltfremd und kontraproduktiv, weil nicht von jedermann anwendbar.

Gruß
Stefan

domino
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Beitrag von domino » Mi Jan 25, 2006 22:49

Hallo Stefan,
als Anhänger des biologischen Artkonzeptes halte ich den Unterartstatus für absolut notwendig, weil logisch.
Naja, das biologische Artkonzept hat schon mit einigen Problemen zu kämpfen, zu allererst ist es nicht für asexuelle Spezies anwendbar und ebensowenig für allopatrische Populationen. Ich gehe da mit Wiens (2004b) konform, dass absolute Allopatry durchaus als "reproduktive Isolation" angesehen werden kann. Das große Problem ist jedoch die "reproduktive Isolation" (sensu stricto Mayr) in der Natur (und nicht im Labor) zu beweisen. Aber gut, seis drum (wir wollen ja auch noch andere Themen zum Diskutieren haben).
Wenn jedes Tier oder jede Population, die sich im Labor minimal von der Nominatform unterscheidet, gleich Artstatus bekäme, dann wäre die Verwirrung vorprogrammiert.
Da gebe ich Dir Recht. Ich denke ebenso und auch ich akzeptiere den Unterartstatus als biologisch valide Instanz.
Meiner Meinung nach muss eine Unterart sofort anhand eindeutiger morphologischer Merkmale von jedermann als solche erkennbar sein.
Nun, Unterarten wurden früher eher als Rassen bzw. als Lokalformen oder aber auch allopatrische Popualtionen angesehen, die nur gering vom Phenotypus der Nominatform abwichen. Die taxonomisch relevante Einteilung in eine Unterart löste das taxonomisch nicht relevante "var." ab. Unterscheidet sich eine allopatrische Population oder eine Lokalform nur unwesentlich oder garnicht von der Nomiatform (also kaum diagnostizierbar), so bezeichnet man sie auch oft als "sibling species" oder "kryptische Art". Mayr & Ashlock (1991) beschreiben es wie folgt: "Biological species are reproductivly isloated gene pools. When two populations (gene pools) become geographically isolated, they diverge and may eventually acquire isolating mechanisms. As a by-product of the genetic divergence during this process, most species also acquire morphological differences that are suitable for diagnostic purposes, but a few species fail to acquire such differences. Such very similar species are called cryptic or sibling species" (Mayr & Ashlock 1991:91-92).
Sind die Unterschiede schließlich derart zahlreich und signifikant, dass sich Hybriden nicht mehr fortpflanzen können, ist eine neue Art entstanden. Nur diese Sichtweise schafft wirklich Ordnung im System.
Dazu müsste man aber erstmal Hybriden zweier Populationen in der Natur nachweisen. Das scheitert schon daran, dass es sich bis dato dann eh nur um eine Art handelt, von der man evtl. die zweite Population abgrenzen möchte. Wie erkennt man dann also in der Natur solche Hybriden?
Das phylogenetische Artkonzept ist weltfremd und kontraproduktiv, weil nicht von jedermann anwendbar.
Es ist interessant zu beobachten, dass gerade in der Ornithologie heute noch sehr oft mit dem BSC argumentiert wird, wohingegen in der Herpetologie das BSC fast schon "ausgestorben" erscheint und durch andere Artkonzepte ersetzt wurde. Letzendlich obliegt es der Verantwortung und der Argumentation des Beschreibers genügend Belege (evidence) beizubringen, damit das eine oder andere Artkonzept in den Ergebnissen Akzeptanz findet.

Ich persönlich bin der Meinung, dass es durchaus sinnvoll ist Unterartenstatus zu vergeben, wenn nur eine geringe aber diagnostizierbare morphologische Diversität einer Lokalpopulation (auch allopatrische) gibt. Allerdings eignen sich meiner Meinung nach nicht alle morph. Merkmale um eine solche Unterscheidung zu treffen. Die Gefahr besteht, eine "normale" innerartliche Variabilität als meßbares Merkmal zu verwenden. Dieser Gefahr kann nur dann entgegengewirkt werden, wenn der Untersuchende genügend Material einer oder mehrerer Populationen betrachtet hat.

Hoffe auch eine weitere interessante Diskussion!

Viele Grüße,
Wulf

P.S.: Anbei noch ein Aufsatz von Ernst Mayr. 1996. What is a Species, and What is Not? Originally Published in Philosophy of Science, Vol. 63 (June 1996) pp. 262-277.
http://members.aol.com/darwinpage/mayrspecies.htm

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Tobias
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Beitrag von Tobias » Do Jan 26, 2006 13:37

Hallo,

eigentlich bin ich eher ein Anhänger der klassischen Morphologie und damit auch der Unterteilung in Arten und Unterarten. Im letzten Semester habe ich aber die Grenzen der Morphologie selbst erfahren müssen.

Es ging um Untersuchungen von Pilzen die Endomykorhizen an Laub und Nadelbäumen bilden. 12 Kursteilnehmer sollten in einem Experiment die Artenzahl auf einer Wurzelprobe nach klassisch morpholischen Merkmalen zu bestimmen.
Die ermittelte Artenzahl schwanke sehr stark da die einzelnen Kurzteilnehmer die Merkmale sehr unterschiedlich auffassten. So wurden kleine Unterschiede in der Färbung, der Hyphen usw entweder als Varianzen innerhalb einer Art gesehen oder aber als Unterscheidung zweier Arten genutzt.

Ziel dieses Experimentes war es eigentlich nur uns klar zu machen das sich Endomykorrhiza so gut wie nicht morphologisch Klassifizieren lassen und sie deshalb fast ausschließlich Genetisch untersucht werden.


Mein Beitrag geht zwar eher in Richtung Morphologie doch die Bildet ja ein Standbein bei der Unterscheidung von Arten und Unterarten.

Gruß
Tobias

domino
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Beitrag von domino » Do Jan 26, 2006 14:08

Hallo Tobias,

ja, ähnliche Erfahrungen habe ich auch machen müssen. In vielen Arbeiten über die Systematik von Schlangen findet man als morphologisches Merkmal auch die Dorsalfarbe. Bei der Untersuchung etlicher Exemplare einer Gattung stellte ich aber fest, dass die Dorsalfärbung in konservierten Museumsexemplaren durchaus trügerisch sein kann und insofern nicht mehr als zuverlässiges Merkmal verwendet werden sollte. So wäre bei der Unterscheidung von L. hoserae Hoser 2000 und L. albertisii Peters & Doria 1878 die Dorsalfärbung wie auch die Färbung der Flanken und des Ventralbereichs trügerisch. Prinzipiell zeigen alle untersuchten Exemplare von L. hoserae eine braun-violette Färbung mit gelblichen Flanken und gelblichen Ventralia. Dieses entspricht der Färbung von L. albertisii. Besonders aufgefallen ist diese "Farbverfälschung" bei einem Exemplar, welches Parker, Fred (1982) lebend untersuchte. Er gab es die Dorsalfarbe als schwarz an...
Noch extremer kann man das bei den in den Museen lagernden Morelia viridis sehen, die allesamt tief dunkelblau sind.

Auch die innerartliche Variabilität z.B. bei der Anzahl der Labialia oder der Postokularia sowie der Temporalia kann durchaus hoch sein. Deshalb ist eine Auswahl geeigneter Merkmale auch wichtig.
Schaut man sich z.B. mal Underwood & Stimson (1990) an, so stellt man fest, dass sie oftmals nur Material aus einer Region untersucht hatten und davon auch nur eine sehr begrenzte Anzahl. Im Falle von L. albertisii haben sie nach heutigem Kenntnisstand durchaus einige Merkmale falsch bzw. in der Summe nicht zutreffend charakterisiert. Auch in Kluge (1993) findet man darauf Hinweise.

Viele Grüße,
Wulf

domino
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Beitrag von domino » Do Jan 26, 2006 14:49

Ich habe übrigens gerade noch einen Artikel gefunden, bei dem es um den Unterartenstatus geht. Dieser Artikel zeigt deutlich auf, was Unterarten früher waren und wie sie heute gesehen werden - zumindest von einigen:

http://www.ucl.ac.uk/taxome/jim/Sp/Sub-semi.pdf

Weiterer Stoff für die Diskussion :-)

Viele Grüße,
Wulf
!
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