"Genetischer Nachweis von Reinrassigkeit"...

Diskussionen zur Systematik und Taxonomie von Reptilien, Amphibien und Wirbellosen

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domino
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"Genetischer Nachweis von Reinrassigkeit"...

Beitragvon domino » Di Okt 05, 2010 15:41

Hallo,

auf der Homepage eines bekannten Boa-Züchters wird eine Diplomarbeit eines österreichischen Studenten der Veterinärmedizin erwähnt, in der ein Verfahren entwickeln werden soll/wurde, welche den „genetischen Nachweis der Reinrassigkeit“ von Boa constrictor liefern soll, inklusive eines Herkunftnachweises.

Ich wurde in der Vergangenheit des Öfteren darauf angesprochen und denke, es ist an der Zeit, auch ohne die Arbeit bisher zu kennen, mal einige Punkte klarzustellen:

Reinrassigkeit: Im allgemeinen Sprachgebrauch wird eine zusammenhängende Population einer Unterart oder Art als Rasse bezeichnet. Reinrassig wäre demnach dann ein Tier welches man mit Sicherheit einer bestimmten zusammenhängenden Population zuordnen kann. Auch wenn diese Definitionen biologisch nicht ganz korrekt sind.
Eine solche zusammenhängende Population hat unter Umständen besondere Merkmale ausgebildet, über die die Zugehörigkeit zu dieser Population bestimmt werden können. Solche Merkmale können sowohl morphologischer Art als auch genetischer Art sein. Morphologische Merkmale sind oftmals alleine durch Betrachten/ Schuppen zähen der Tiere aus einer Population zu erkennen, während genetische Merkmale entsprechende Laboruntersuchungen (GEN-Sequenzierung) und Vergleich mit Referenzgen-Sequenzen erfordern.

Probleme: Nun ist es aber so, dass eine Population aus vielen Individuen besteht, die natürlich nicht alle genetisch gleich sind. Man bezeichnet das als innerartliche Variabilität. Diese Variabilität kann gering ausfallen, wenn nur ein sehr begrenzter Genpool zur Verfügung steht (z.B. bei kleinen isolierten Populationen) oder aber recht groß, wenn die Population eine große Verbreitung hat und recht groß ist.
Damit sind auch schon die Probleme aufgezeigt, die die Entwicklung eines solchen Verfahrens mit sich bringt: Es reicht eben nicht ein paar Boas von einem Züchter genetisch zu untersuchen, sondern man muss zwangsläufig sämtliche Populationen die man mit dem Verfahren unterscheiden will in ihrem Ursprung, also an wildlebenden Tieren, untersuchen. Zudem muss man eine große Anzahl an Tieren jeder Population untersuchen, um die innerartliche Variabilität ebenfalls zu erfassen, sonst hat man mal ein vermeintlich abnormales Tier welches dann falsch zugeordnet wird.

Die Entwicklung eines solchen Verfahrens kann also nur dann wissenschaftlich haltbar erfolgen, wenn
a) wildlebende Tiere sämtlicher Populationen untersucht wurden
b) eine statistisch signifikante Anzahl an Tieren jeder Population untersucht wurden
c) innerartliche Variabilität und Verpaarungen von zwei Populationen in Grenzgebieten berücksichtigt wurden

Solche Erfordernisse kosten jedoch eine Menge Geld und Zeit, so dass ich daran zweifele, dass das Verfahren auf diese Art und Weise entwickelt wurde.

Prinzipiell ist es auch nichts Neues anhand von Genanalysen eine Zuordnung zu treffen. Sowas wird ja schon bei Vaterschaftstests gemacht. Dabei wird allerdings ein direkter Vergleich der DNA des Kindes mit der DNA des Vaters, also ein 1:1 Vergleich, angestrengt. Bei dem geplanten Vorhaben ist eine 1:n-Zuordnung gefragt, und n ist die Anzahl der Tiere in einer Population. Man kann also nur ganz sicher sein, wenn man letztendlich die gesamte Population genetisch untersucht hat!

Darüber hinaus wird behauptet, dass die o.g. Arbeit Aufschluss darüber geben könnte, "inwieweit die Ergebnisse des tschechischen Papers hinsichtlich des Artstatus´ von Boa c. imperator zutreffend sind".

Dazu ist zu sagen, dass es definitiv keine Regeln gibt, die für die Legitimität eines Art- oder Unterartstatus gibt. Zwar gibt es Konzepte zu Artbildungsmechanismen und sogenannte Artkonzepte, jedoch stellen diese nur Hypothesen dar und jeder ist frei in der Wahl welches Artkonzept er verwenden möchte. Eine Verfahren zur Ermittlung ob ein Unterart- oder gar Artstatus "zutreffend" ist, gibt es nicht, ebenso wenig wie eine Prozentzahl die sich eine Unterart oder eine Art von einer anderen solchen unterscheiden muss. Diese Aussage ist also völlig ohne Belang!

Viele Grüße,
Wulf Schleip

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Conus
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Beitragvon Conus » Di Okt 05, 2010 16:29

Aha, ich hab zwar eine Vermutung wie das aussehen koennte, bezweifle aber, dass sich wirklich eine sichere Aussage treffen laesst. Hinzu kommt, dass ich die Etablierung eines solchen Verfahrens innerhalb des doch sehr kurzen Zeitrahmens einer Diplomarbeit (seit wann machen Vet.Meds ein Diplom???) umsetzen laesst.
Ich bin mal auf die Arbeit gespannt, v.a. im Hinblick auf die Anzahl und Art der verwendeten Gene, deren Variabilitaet und last but not least dem sampling bzw. der Quelle.
Hugin and Munin fly each day
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domino
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Beitragvon domino » Di Okt 05, 2010 16:33

Nachtrag: Eine Arbeit zur "forensischen Phylogenetik" findet sich übrigens hier:

CROTHER, WHITE, GARDNER und WARMS. 2009. GIANT CANADIAN SNAKES AND FORENSIC PHYLOGENETICS. Contemporary Herpetology 2009(2):1-4
http://www.contemporaryherpetology.org/ ... 2009_2.pdf

Gast

Beitragvon Gast » Mi Okt 06, 2010 11:03

Hehe, der Punkt der Diplomarbeit ist mir noch gar nicht aufgefallen unter dem ganzen Schultergezucke:)

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Traxx
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Beitragvon Traxx » Di Okt 12, 2010 17:18

Mir würde es ja schon reichen wenn es zu den "Reinrassigen" Boas auch mal eine Rassebeschreibung geben würde die nicht nur das Populationgebiet angibt.. ;)

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